Chronik der Gießerei Sellerbeck


  • Aus:
  • 100 Jahre Sellerbeck
  • Gußstahlwerk Hermann Sellerbeck K.G. Oberhausen


Bescheidene Anfänge

Am 1. Januar 1833 wurde Hermann Sellerbeck, der Gründer des Gußstahlwerkes, in Mülheim-Mellinghofen geboren.
Die Sellerbecks waren Bauern und seit langem in Mülheim-Mellinghofen ansässig. Hermann Sellerbeck erlernte das Handwerk eines Huf- und Wagenschmiedes, weil sein ältester Bruder, Johann, den Hof erben sollte.
Am 10. März 1859 heiratete er Helene Knevels aus Mülheim-Speldorf. Im Jahre 1857 machte er sich selbständig.

Der Firmengründer Hermann Sellerbeck

Unweit des väterlichen Hofes erwarb der junge Schmiedemeister das Haus Nr. 91, später in Nr. 254 umbenannt, an der Ecke der Mülheimer und Rolandstraße. Hier stand also die Wiege des Gußstahlwerkes Hermann Sellerbeck. Das kleine Haus lag noch inmitten von Feldern und Waldstücken. Es gehört heute zu dem Gebiet der Stadt Oberhausen, die es damals überhaupt noch nicht gab. Lediglich ein kleiner Landbahnhof in der Liricher Heide trug den Namen Oberhausen, der den Namen der späteren Industriestadt bestimmen sollte. Allerdings war damals schon der kleine Landbahnhof ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, der die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung des Raumes Oberhausen ebenso mitbestimmte wie die Auffindung guter Fettkohle in diesem Gebiet, die damals zur Gründung verschiedener Zechen in Oberhausen führte.
Die schnelle Entwicklung vom Heideflecken zur Industriestadt konnte auch auf den kleinen Betrieb Hermann Sellerbecks nicht ohne Einfluß bleiben. Als Huf- und Wagenschmied arbeitete er zunächst und hauptsächlich für die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung, und zwar in der Schmiede hinter dem bereits erwähnten Haus an der Ecke der Mülheimer und Rolandstraße.
Aber schon bald ergab sich die Notwendigkeit einer ersten Ausdehnung der Produktion. Ein Freund namens Schmitt, vermutlich ein Lehrfreund von Hermann Sellerbeck, wurde Schmiedemeister auf einer der Oberhausener Zechen. Dieser Freund klagte eines Tages Hermann Sellerbeck seine Sorgen mit den Worten:
„Ik kann de Wagens, dei se bi us im Pütt kaputt maket, nich wedder op de Been kregen!"

Sellerbeck nahm sich dieser Sorge mit Eifer und Umsicht an. Er baute Förderwagen, zuerst Wagen aus Holz mit eisernem Rahmen. Räder und Lager bestanden aus Gußeisen und wurden aus einer Speldorfer Gießerei fertig bezogen. Die "Gruben-Hunte" der Firma Hermann Sellerbeck wurden gut abgesetzt. Nicht nur die benachbarten, sondern auch Zechen der weiteren Umgebung verlangten sie.



Herrn
Bürgermeister Schwartz, Wohlgeboren,
hier
In Erledigung Ihres Geehrten vom 28.v[ergangenen] M[onats] theile ich Ew (Euer) Wohlgeboren folgendes mit:
Im Jahre 1862 beschäftigte ich durchschnittlich in meiner mechanischen Werkstelle 10 – 12 Arbeiter. 1866 legte ich Dampfbetrieb an und baute eine größere Werkstelle verbunden mit Eisengießerei und Modellschreinerei. Schon nach einigen Jahren stellte sich die Eisengießerei als zu klein dar, und ich war gezwungen im Jahre 1869 eine neue größere zu bauen mit zwei Cupolöfen. Die alte Gießerei wurde zur Schmiede umgeändert. Im Jahre 1877 legte ich Stahlgießerei an, und mußte zu diesem Zweck ein Tempergebäude mit zwei Temperöfen bauen. Im Jahre 1880 baute ich eine neue Schmiede. Die alte wurde zur Schlosser[ei] + Dreherei umgeändert. In den letzten zehn Jahren beschäftigte ich durchschnittlich 25 – 30 Arbeiter.
Achtungsvoll!
H Sellerbeck

Die eigene Gießerei

Schon um 1862 beschäftigte der Schmiede- und Schlossermeister Hermann Sellerbeck in seiner mechanischen Werkstatt 10 bis 12 Arbeiter. 1866 führte er den Dampf als Antriebskraft in seinen Betrieb ein; die Werkstätte wurde vergrößert. Etwa da, wo sich heute die Gußputzerei befindet, hinter der Schmiede, wurde eine eigene Eisengießerei – mit einer Modellschreinerei verbunden – errichtet. Bald ging er dazu über, die "Gruben-Hunte" ganz aus Eisen herzustellen, da die steigende Kohleförderung immer höhere Ansprüche an die Haltbarkeit des Wagenmaterials stellte.Bereits nach zwei Jahren reichte die Gießerei nicht mehr aus. So wurde denn eine neue, größere Gießerei gebaut, mit zwei Kupolöfen ausgerüstet, aus denen abwechselnd gegossen wurde. Die alte Gießerei wurde zur Schmiede umgewandelt, in der die Förderwagen zusammengenietet wurden.


In der Formerei


In der Kernmacherei


In der Gießhalle


Die Temperstahlgießerei

In jener Zeit, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erlebte die Gußtechnik durch die Erfindung des Tempergusses entscheidende Fortschritte. Um sich diese Neuerung nutzbar zu machen, errichtete Hermann Sellerbeck, zehn Jahre nach der Erbauung der eigenen Gießerei, eine Temperstahlgießerei.
Im Jahre 1877 beschäftigte das Unternehmen bereits 25 bis 30 Arbeiter, 1888 – im Dreikaiserjahr –waren es 40, und 1898 war die Belegschaft auf 55 Köpfe angewachsen. 1880 errichtete Hermann Sellerbeck eine neue Schmiede. Der alte Schmiederaum wurde hinfort als Schlosserei und Dreherei benutzt. 1883 baute Sellerbeck ein Wohnhaus, das noch vielen Mitarbeitern und Freunden bekannte, im Kriege vernichtete Haus Mülheimer Straße Nr. 258, in welchem später viele Jahre hindurch die Geschäftsräume untergebracht waren. 1886 umfaßte der Grundbesitz eine Fläche von 4128 qm.

Das eigene Stahlwerk

Durch eisernen Fleiß und nie erlahmende Willenskraft arbeitete sich Hermann Sellerbeck vom Handwerker zum Fabrikanten empor. Er führte in Haus und Werk ein strenges Regiment. "Grobschmied" nannte ihn seine nähere Umgebung. Er legte Pfennig auf Pfennig. Jede Mark diente dem Ausbau des Werkes. Der Lebenszuschnitt war spartanisch einfach. Nie war Hermann Sellerbeck in seiner Fabrik mit dem Erreichten zufrieden. Wo er seine Ware verbessern und die Leistung steigern konnte, wagte er immer wieder, seine Mittel und seinen Kredit einzusetzen. Stets darauf aus, Neues zu schaffen, bemühte er sich erfolgreich, die Fortschritte der Technik seinem Unternehmen, das er sozusagen aus dem Nichts heraus geschaffen hatte, dienstbar zu machen. Obwohl er nur eine einfache Schulbildung genossen hatte und wissenschaftliche wie theoretische Kenntnisse ihm fremd waren, verpaßte er nie den Anschluß an die technischen Fortschritte seiner Zeit. Mit dem klaren Auge des Praktikers sah er, was für sein Unternehmen fruchtbringend sein würde.
Seltsamerweise vollzogen sich die wichtigen Entwicklungen seiner Fabrik jeweils in Zeitabständen von zehn Jahren:
1857 Gründung des Unternehmens, 1867 Errichtung der Gießerei, 1877 Errichtung der Temperstahlgießerei, 1887 Einführung des Stahlformgusses.

Die forcierte Entwicklung des Bergbaubetriebes mit seinen ständig steigenden Förderzahlen erforderte die Verwendung von weitaus betriebstüchtigeren Rädern, als sie bisher zur Verfügung standen. Die Notwendigkeit, diesen Erfordernissen Rechnung zu tragen, wurde richtungweisend für die weitere Entwicklung des Werkes.
Mit der Einführung des Stahlformgusses wagte Hermann Sellerbeck einen entscheidenden Schritt. Die Errichtung einer Stahlgießerei reihte seine Fabrik in die Gruppe derjenigen Unternehmen ein, die auf Grund ihrer Eigenart und Sonderstellung zwischen der eisenerzeugenden und eisenverarbeitenden Industrie in der Zukunft besondere Aufgaben zu erfüllen haben sollte. Welche Möglichkeiten die künftige Entwicklung in sich barg, war allerdings damals noch nicht vorauszusehen. Immer neue Anwendungsgebiete eroberte sich der Stahlguß, den Temperguß ganz und gar aus dem Produktionsprogramm der Firma Sellerbeck verdrängend.

Im Jahre 1887 wurde zunächst ein kleiner Siemens-Martin-Ofen mit einem Fassungsvermögen von nur 1000 kg gebaut. Die Pläne hierzu lieferte die Ofenbaufirma Eckard in Dortmund. Die Anlage wurde 1888 fertiggestellt. Zu ihr gehörte auch ein kleiner Gasgenerator zur Erzeugung von Heizgas. Jetzt konnte ohne das umständliche Tempern direkt schmiedbarer Stahl in die Formen gegossen werden. Förderwagenräder wurden nun gefertigt, die bruchsicher waren. Das Verfahren wurde damals allgemein bestaunt. Die ganze Familie Sellerbeck nahm lebhaften Anteil an der Erprobung dieses epochemachenden Fortschrittes.

Jetzt ergab sich auch die Möglichkeit, Stahlformguß für Kunden herzustellen. So blieb die Stahlgießerei bald nicht nur ein Nebenbetrieb der Förderwagenfabrik, da sich im rheinisch-westfälischen Industriegebiet überall günstige Absatzmöglichkeiten für Stahlguß boten.


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