Barrierefreie Textversion

Sie sind hier:

Denkmäler in Oberhausen

Discotheken in Oberhausen

Firmen in Oberhausen

Sellerbeck

Verkaufsanstalten Oberhausen

Geschichte "im Überblick"

Kinos in Oberhausen

Oberhausener Sprache

Unser "75." Jubiläum

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

"Stadt der guten Hoffnung"

Gästebuch

Sitemap

Kontakt

Impressum



Die letzten Erinnerungen an einen VA-Markt liegen nun schon gut über 20 Jahre zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte wohl jeder Oberhausener noch "seinen" VA-Markt. Ob in Oberhausen, Osterfeld oder Sterkrade - überall war die VA mit ihren kleinen und großen Märkten vertreten.

Verkaufsanstalt 3 der GHH

Wir schreiben ungefähr das Jahr 1867. Und wieder einmal "stand ganz am Anfang das Feuer" . Diesmal aber im übertragenen Sinn: wie fast alles in Oberhausen geht es mit der GHH los, und die beschäftigt sich seit ihren Anfängen mit Feuer und Kohle und Eisen. Die GHH, größter Brötchengeber in der Gemeinde "Oberhausen", brauchte vor allen Dingen eins: Arbeitskräfte. Man warb in allen Gegenden des Landes und auch außerhalb um Arbeiter, häufig kamen diese sogar auf gut Glück hier zu uns nach Oberhausen. Die meisten der Zugezogenen waren Kostgänger, also Männer, die bei einer ihnen fremden Familie wohnten, ihre Brötchen selbst mitbrachten und von der Hausfrau zubereiten ließen. Dafür wurde ihnen oftmals noch unverhältnismäßig viel Geld abgenommen. Da half auch nichts, wenn sie versuchten, sich selbst zu beköstigen, denn die Lebensmittelpreise waren in der damaligen Zeit für Zugezogene ebenso rasant gestiegen. Die goldene Regel Nummer eins der Wirtschaft ("Angebot und Nachfrage") hatte also auch hier schon scharfe Konturen angenommen.

Anscheinend ganz uneigennützig raufen sich ein paar Fabrikdirektoren und Kaufleute aus Oberhausen zusammen und gründen den "Consum-Verein Gute Hoffnung". Damit war die GHH Vorreiter in ganz Deutschland. Der "Consum-Verein" ermöglichte es allen Arbeitern das ganze Jahr über verbilligt einzukaufen und zwar sowohl Lebensmittel als auch Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens. Damit hatte man den herrschenden sozialen Missständen ein wenig den Boden entzogen, denn nun waren plötzlich alle Arbeiter gleich, egal ob hier geboren oder zugezogen. Übrigens hieß der Comsum-Verein damals umgangssprachlich "Hüttenkonsum".

Es gab sicherlich schon früher Hilfsprogramme bei akuter Not der Arbeiter. Das war z.B. in strengen Wintern der Fall, wo den Arbeitskräften verbilligte Lebensmittel gewährt wurden. Hinweisen möcht ich aber auch noch darauf, dass die GHH schon bereits durch Bereitstellung von Werkswohnungen (bzw. ganzen Wohnvierteln) und sozialen, finanziellen Unterstützungen positiv aufgefallen ist.

Wustküche Essener Straße

So ganz uneigennützig war das ganze dann aber doch nicht. In der Anfangszeit hatte der Consum-Verein sicherlich einen genossenschaftlichen "Touch" , immerhin war es auch sprachlich ein Verein. Später ging der Verein dann komplett in die Hand der GHH. Ab ca. 1890 ändert sich dann auch noch etwas politisch: In den Consum-Vereinen dürfen nur noch Werksangehörige Lebensmittel und sonstige Waren einkaufen. Widerweillig folgt die GHH dieser politischen Kehrtwende. Die Folgen bekam man zu spüren: Umsatzrückgang um ein Viertel! Die alteingesessenen Lebensmittelgeschäfte dagegen freuen sich und so gab es nicht selten missbilligenden Streit zwischen normalen Kaufleuten und Consum-Verein-Leitern. Allerdings kam es auch nicht selten vor, dass Werksangehörige lieber bei den "normalen" Kaufleuten ihre Waren bezogen, auch wenn sie vielleicht nicht so preiswert waren. Der Grund war einfach: dort konnte man auf Borg (oder "auf Kucki") kaufen, sich die Waren also anschreiben lassen, eine nicht gerade unübliche Praxis, die man heute noch häufig auf dem Land vorfinden kann. Auch wurden Rabatte gewährt oder Beigaben verabreicht. Zudem behandelten die Kaufleute ihre Kunden besser (was auch normal erscheint, "Konkurrenz belebt das Geschäft" und "wo man sich wohlfühlt, da kauft man gerne ein").

Die Geschäfte laufen schlecht, daher muss die GHH reagieren: es werden Rabattmarken eingeführt. Diese Marken bekommt man bei jedem Einkauf und klebt sie schön sorgfältig in ein eigenes Heft. Kurz vor Weihnachten konnte man mit diesem Heftchen seinen "Gewinn" abholen. Die GHH schüttete nämlich den erwirtschafteten Gewinn des Geschäftsjahres aus, und zwar prozentual je nachdem wieviel ein einzelner Arbeiter in den Verkaufsanstalten erworben hatte. Die Rabatte waren also eine Art Rückvergütung. Es ist erstaunlich, dass die GHH mit den VA-Märkten überhaupt Gewinn erwirtschaftete, immerhin wurden die Waren beinahe zum Einkaufspreis verkauft. Dennoch blieb der GHH von dem Gewinn nichts übrig, so gesehen war der VA-Markt also doch uneigennützig.

1910. Die vierte Verkaufsanstalt eröffnet. Diesen VA-Markt kann man heute noch auf der Arminstraße bewundern. Die Einrichtung der Läden und der Umfang des Warenangebots sollte man als "zweckmäßig" bezeichnen. Der Verkaufvorgang war dagegen ein rein mechanischer. Man musste vortragen, was man haben wollte, viel sehen konnte man von den Waren vorher nicht, es gab keine Auslagen. Es gab auch keine Reklame bis kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Ebenso unüblich erscheint es heute, wie die Waren an den Mann gebracht wurden: ein nicht unerheblicher Teil wurde von einem "mobilen Dienstmädchen" bei den Kunden angefragt. Einmal in der Woche wurden diese Bestellungen dann ausgeliefert. Der Kaufmann kam also zum Kunden!

Der erste Weltkrieg und damit eine allgemeine Knappheit der Lebensmittel tritt ein. Löblicherweise verkauft die GHH Fleisch und Lebensmittel auch an Kriegsgefangene. Ein paar Jahre zuvor hatte die GHH dagegen einen Verkauf von Lebensmitteln an das Militär abgelehnt, mit dem Hinweis auf das Verkaufsverbot und der drohenden horrenden Strafe..

Der zweite Weltkrieg brachte dann entscheidende Veränderungen mit sich: zum ersten mal durften auch wieder Nicht-Werksangehörige in den VA-Märkten einkaufen. 1953 wurden dann endlich die ehemaligen Concum-Vereine in eine rechtlich und wirtschaftlich selbstständige Gesellschaft mit Namen "Verkaufsanstalten Oberhausen GmbH Oberhausen" gewandelt. Dies geschah auf Grund der Entflechtung der GHH durch alliierte Kräfte. Die Zahl der Verkaufsanstalten steigt sprunghaft an: bis auf teilweise 30 Filialen schafft es die GHH um 1960.

Markteröffnung in Lirich 1967

Und noch eine Neuerung tritt auf: die Läden werden zu Selbstbedienungsläden und Supermärkten. Der Wandel von "Wohlfahrtseinrichtung der GHH" zum selbstständigen Supermarkt war vollzogen. Reklame, früher verpönt bei den VA's, fand bald normalen Einzug in das tägliche Geschäftsleben. Zwar konnten die Waren nicht mehr zu den gleichen Preisen wie noch vor einigen Jahren verkauft werden, dennoch konnte man den Qualitätsstandard der Waren halten und das bei einem immer noch relativ günstigen Preis. Noch eine Neuerung: als erster Einzelhandelsbetrieb der Bundesrepublik führt der VA-Markt die 5-Tage-Woche ein. Ebenso schafft der VA-Markt das weithin übliche "echte" Rabatt-System ab und kalkuliert von vornherein einen günstigeren Preis. Eine Masche, die sich bald in der Branche durchsetzte. Als weitere vorausschauende unternehmerische Leistung kann man den Kampf gegen die damals übliche Preisbindung von Alkohol und Schokolade ansehen.

Alles in allem kann man dem VA-Markt einen schlichten, aber erfolgreichen Verlauf seiner Karriere bescheinigen. Man war stets bemüht, dem Arbeiter einen fairen Preis bei einer hohen Qualität zu bieten. Dennoch ist der VA-Markt heute Geschichte. Die Geschichte der VA endete 1984 mit dem Verkauf an die Spar AG. Er kann aber als Vorbild für heutige "Einkaufsparadiese" gelten, denn die Gesetze der Marktwirtschaft gelten heute wie vor 100 Jahren. So gesehen hat der ehemalige Consum-Verein in der heutigen Konsumgesellschaft (man beachte die Namensparallele!) einen höheren praktischen Vorbildswert als z. B. die vergangene Stahl- und Kohleindustrie, die zwar anscheinend das Bild von Oberhausen geprägt haben und teilweise auch heute noch beeinflussen. Allerdings ist und bleibt Stahl und Kohle Geschichte für Oberhausen.

Der VA-Markt dagegen sollte als Vorbild für heutige Einkaufsmeilen dienen!