Der Concordia-See


Das geringe Gefälle der Emscher in Richtung Mündung führte schon seit alters her mehrmals im Jahr zu Überschwemmungen, an manchen Stellen sogar zu Versumpfungen der Flußaue. Der Kohleabbau in diesem Gebiet verschlimmerte die Zustände noch zusätzlich.Große Probleme brachte ein "Senkungstrog", den die Concordia-Zechen in der Nähe der Oberhausener Bahnhöfe der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft und der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft verursachten. Diese Mulde füllte sich schon Anfang der 1860er Jahre immer mehr mit Wasser und überflutete ein Gebiet, das die Gemeinde als zukünftiges Zentrum verplant hatte. In seiner größten Ausdehnung erstreckte sich der "Concordia-See" 1877 über eine Fläche von fast 10 ha; die gemessene Wassertiefe betrug 1,82 Meter. Er wurde in etwa begrenzt durch die Tannenbergstraße im Westen, die Roncallistraße im Norden, die Sedanstraße im Osten und die Freiherr-vom-Stein-Straße im Süden. Im Laufe der Jahre gab es viele (vergebliche) Versuche, das Wasser in Richtung Emscher abzuleiten. Erst ein 1883 fertiggestellter Kanal zur Ruhr legte den "Concordia-See" auf Dauer trocken.


Der Concordia-See um 1876. Der Steg (die "Fluthbrücke" siehe weiter unten) verlief über die heutige Grillostraße. Die Kamine im Hintergrund gehörten zur "Alten Walz".


Die rot umrandete Fläche auf dem Stadtplanaus-schnitt markiert die Ausdehnung des Concordia-Sees.


Die auch für Oberhausen zuständige Rhein- und Ruhr-Zeitung berichtete mehrfach über den See. Anhand dieser Berichte sollen die aus heutiger Sicht unglaublichen Zustände verdeutlicht werden.

Die folgenden Zeitungs-Zitate stammen aus:
Die Chronik der Stadt OberhausenIn: Abenteuer Industriestadt, Oberhausen 1874 – 1999, Oberhausen 1999

18. April 1876

Die Bewohner fühlen sich endlich zum Verlassen der Häuser veranlaßt und hat der lebhafte Fußgängerverkehr durch eine 135 Meter lange Fluthbrücke leidlich offen gehalten werden müssen, auch hat sich bereits, horribili dictu (Anm.: horribili dictu = furchtbar zu sagen), die Schiffahrt dieses Baugebietes bemächtigt. Es bewegen sich gondelfahrende Vergnügungsgesellschaften auf dem See der Concordia.

20. Juni 1876

In Oberhausen sind etwa 28 Gebäude durch den Bergbau beschädigt, und es wird dafür außer dem bereits gedeckten ein Schadenersatz von etwa 250.000 Mark gefordert. Die Zeche, die den Schaden angerichtet hat, repräsentiert aber einen Werth von mehreren Millionen Mark, befindet sich in großer Förderung, beschäftigt über 1000 Arbeiter, ist mit einem Worte eine der größten Zechen des westfälischen Oberbergamtsbezirks. Bei dieser Sachlage liegt doch wahrlich kein Grund vor, den Bergbau aus Gründen des öffentlichen Wohles zu schließen.

21. Juli 1876

Wir können die erfreuliche Mittheilung machen, daß der hiesige und vielbesprochene und gefürchtete Concordiasee, dessen sogar im Landtage Erwähnung gethan wurde, und der gewiß europäische Berühmtheit bekommen hätte, im Abnehmen begriffen ist. Seine Gewässer schwinden von Tag zu Tag und sind schon über 30 ctm gefallen. Ob er ganz austrocknen wird, ist sehr fraglich, da er an manchen Stellen immer noch 2 bis 3 Meter tief ist. Sein stagnierendes Wasser aber macht sich bei der Hitze für die Leute sehr bemerkbar.

8. November 1877

Seit acht Tagen ist eine Locomobile (Anm.: Locomobile = ortsveränderliche Dampfmaschine) im Einsatz, um die Wasser aus dem Concordiasee zu pumpen. Pro Minute werden etwa 3 000 Liter Wasser abgesaugt und durch unterirdische Röhren zur Zeche Concordia befördert und in die Emscher weitergeleitet.
An einigen Stellen ist das Wasser bereits so stark gesunken, daß der Boden sichtbar wird. Nach Ansicht der Zechenverwaltung dürfte der See in etwa zwei Wochen komplett verschwunden sein.

1. Februar 1878

Die Pumpstation am Concordiasee ist zwar seit Wochen in Betrieb, doch steigt der Wasserspiegel stetig an. Viele Keller stehen bereits unter Wasser, und es ist zu befürchten, daß der alte Zustand bald wieder erreicht sein wird.

15. Oktober 1878

In der Stadt ist es um den Concordiasee still geworden. Die Wassermassen sind vollständig verschwunden, Arbeiter sind damit beschäftigt, das Gelände mit Erde anzufüllen und die letzten Reste zu beseitigen. Die Anwohner vermerken jedoch positiv, daß es in der letzten Zeit zu keinen weiteren Bodensenkungen mehr gekommen ist.

21. Dezember 1880

Durch die anhaltenden Regenfälle kommt es an vielen Stellen im Oberhausener Stadtgebiet zu zahlreichen Überschwemmungen. Die angelegten Senkbrunnen bleiben wegen der Witterung unwirksam, das Wasser sammelt sich wie in früheren Zeiten. Auch der Concordiasee steigt wieder gewaltig an.

12. Juni 1883

Der Kanal zur Abführung des Concordiasees ist fertiggestellt; die Stadtverordneten geben ihre Zustimmung zu der vorgelegten Abschlußrechnung. Die Kosten belaufen sich auf 255 000 Mark, davon übernimmt die Concordia 150 000 Mark. Das Innenministerium spricht dem Bürgermeister für die Durchführung der Arbeiten seinen Dank aus: "Aus Ew. Wohlgeboren Bericht haben wir mit Befriedigung ersehen, daß der Tief-Kanal der Stadt Oberhausen nach der Ruhr nunmehr vollständig fertiggestellt ist und in Benutzung genommen ist. Der auszüglich mitgeteilte Bericht des Stadtbaumeisters Regelmann tut dar, daß der Kanal sich bei dem kürzlich außerordentlich hohem Wasserstande der Ruhr die Entwässerung völlig bewirkt und sich somit als zweckentsprechend erwiesen hat."


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