Wasserhaltung Concordia 2000
Die "letzten Mohikaner Concordias"
800 Meter unter der Stadt pumpen Bergleute Grubenwasser zur Sicherheit der Kumpel
von Thomas Splett
Aus: WAZ vom 26.07.2000
Schon beinahe vergessen, erhebt sich in der Nähe des Bero-Zentrums die alte Schachtanlage Concordia 2. Kohle wird hier seit dem Ende der 60er Jahre nicht mehr gefördert - aber Grubenwasser.
Beinahe täglich fahren hier noch Bergmänner ein, damit ihre Kollegen in Walsum und Bottrop weiterhin „trockene Füße“ behalten.
Blickt man über den hohen Zaun an der Ecke Am Förderturm/Bebelstraße, ist nicht unbedingt zu erahnen, daß hier noch ein Schacht befahren wird. Nur ein gelbes, leicht vergilbtes Schild weist auf Bergarbeiten hin.
Von der Zeche Concordia ist bis auf das Areal rund um das alte Schacht-Gebäude nicht viel geblieben. Der aus den 30er Jahren stammende Förderturm ließ Anfang der 90er seinen Kopf (Anm.: im Januar 1993).
Drei bis vier Mann, Elektriker und Schlosser, bilden die feste Bereitschaft der Wasserhaltung der Deutschen Steinkohle AG (DSK) am Schacht II.
Mit Hans-Dieter Hoffmann, Bereichsleiter Gruben- und Tagesbetrieb der DSK, und Bernhard Meermann, Abteilungsleiter der Maschinentechnik, gehen wir auf Motivsuche. Beide tragen die volle Bergmannsmontur. Ein beinahe exotisch anmutendes Ziel für das Objektiv des Fotografen.
Die Pumpen, die das Tiefenwasser an die Oberfläche bringen, arbeiten rund um die Uhr über 800 Meter unter unseren Füßen. Dort wollen wir hin.
In der kleinen Waschkaue der Elektriker werden wir mit Helmen, weiten weißen Bergmannsmänteln und Grubenlampen ausgerüstet. Dann geht es zum eigentlichen Schacht.
Vier Meter pro Sekunde rast der Korb hinab. Nur beleuchtet von der Grubenlampe, die einem um den Hals baumelt. Nach drei lauten Glockenschlägen, die dem Korbführer das Signal zum „Hängen“ geben und den anfänglichen Geräuschen der Motoren stellt sich auf halben Wege Ruhe ein. Die Temperatur steigt und die Lampen beleuchten die vorbeifliegenden feuchten Stahlträger, Leitern und Backsteinwände – 800 Meter sind eine längere Zeitspanne als gedacht. Der Druck in den Ohren nimmt zu. Kein Gitter schließt den engen Korb ab. In der nächsten Sekunde: Licht, noch mehr feuchte Wärme und wummernder Krach.
Drei große Kreiselpumpen bestimmen die Lärmkulisse auf der achten Sohle. In einem gemauerten Gewölbe, das entfernt an einen überdimensionalen alten Weinkeller erinnert, arbeiten mehrere Wartungsarbeiter an den Maschinen.
Hundert Meter unter dem federnd zum Stehen gekommenen Korb befindet sich der Schachtsumpf. Über den Rand gebeugt, nimmt man die dunkle Oberfläche des Grubenwassers wahr, das sich hier sammelt. Eine große Tauchmotorpumpe transportiert es von hier zu den horizontalen Kreiselpumpen.
Vier bis fünf Kubikmeter Wasser, gut 25 Vollbäder, fördern die ein Megawatt starken Pumpen pro Minute an die Oberfläche. Mit einen Druck von rund 100 Bar schießt es durch dickwandige Rohre nach oben, die den Raum durchziehen.
Der größte Teil des Wassers wird über eine Pipeline in die nahegelegene Emscher geleitet; ein kleinerer Teil geht als Solewasser an das Solebad in Herne.
Gute sieben Stunden arbeiten die Schlosser, Elektriker und Wartungsarbeiter bei etwa 28 Grad und tropischer Luftfeuchtigkeit untertage. Der Schweiß läßt den Helm rutschen.Das bis zu 30 Grad warme Grubenwasser ist reich an Eisen, Calcium und verschiedenen Chloriden, die das Regenwasser auf seinem langen Weg aus den Erdschichten wäscht. Das mineralreiche Naß ist in dem Backstein-Gewölbe der achten Sohle überall zugegen. An den Wänden und Böden bilden sich weiße Salzkrusten oder kleine Salz-Stalaktiten. Umweltbedingungen, die den technischen Systemen hier unten nicht gut bekommen. Rost und Ablagerungen zu beseitigen und die Anlagen in Betrieb zu halten, sind Fulltime-Jobs.
Im abgetrennten Schaltraum werden die Pumpen automatisch reguliert. Gesteuert wird das Pumpennetz, welches das ganze Ruhrgebiet durchzieht, von der Wasserhaltungszentrale der DSK in der Zeche Carolinenglück in Bochum.
Ein leichter Luftzug mildert im Concordia-Schaltraum die Schwüle. Hoffmann weist auf ein altes Grubengleis hin, das ins Dunkel führt: "Von hier zieht die Luft zum zwei Kilometer entfernten Concordia Schacht 6."
Was würde passieren, wenn die Concordia-Pumpen endgültig ihre Arbeit einstellen würden? "Oberhausen würde nicht überflutet", beruhigt Hoffmann. "Unsere Aufgabe ist der Schutz des lebenden Bergbaus. Würde das Grubenwasser nicht mehr abgepumpt, würde es sich in die Höhe stauen und die benachbarten Schächte in Bottrop oder Walsum überfluten", so der 42-Jährige. Um das zu verhindern, pumpte die DSK alleine im letzten Jahr gut 80 Millionen Kubikmeter Tiefenwasser aus den Wasserhaltungs-Schächten zwischen Dortmund und Oberhausen.
Zwei Schläge für "auf" und noch ein "Glück auf" von den zurückbleibenden Bergleuten begleiten unsere Fahrt nach oben. Der Korb beschleunigt und es wird kälter, so daß man sich jetzt über den Mantel freut. Dann wird es wieder hell. Das Tageslicht sticht in den Augen.Der aktive Bergbau hat sich endgültig aus Oberhausen verabschiedet. Doch ein wenig lebt die Bergwerks-Vergangenheit der Stadt weiter. Versteckt und geschrumpft zwar, aber wenn die Klingel das "Hängen" bekannt gibt und der Korb in die Tiefe rauscht, glaubt man, die wahre Bedeutung des "Glück auf" der Bergleute zu verstehen.
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