Die Entwicklung der Stahlindustrie (2)
Die Industrieanlagen auf dem zuvor angesprochenen Gebiet entwickelten sich aus der Hütte Neu-Essen, die hinter dem heutigen Kaisergarten lag. Ihr Holzkohlen-Hochofen wurde 1811 stillgelegt. Die Besitzer wandelten den Betrieb in ein Hammerwerk um, welches aus dem Eisen der beiden anderen Werke Stäbe und Brammen schmiedete. Diese verarbeitete das erste Blechwalzwerk, später „Alte Walz“ genannt, ab 1829 zu Kessel- und Schiffsblechen.
(Abb. 7) 1795 war der westliche Teil Lipperheide rund um die Hütte Neu-Essen sehr dünn besiedelt. Weil die Emscher nicht genug Strömung hatte, um das Wasserrad für den Reckhammer anzutreiben, baute man vom Mühlenwehr ausgehend den "Hammerkanal".
(Abb. 8) Das Walzwerk Oberhausen entstand 1829 aus einer Getreidemühle. Es lag westlich der Straße nach Sterkrade an der Emscher, die hier durch ein Wehr aufgestaut wurde. Auf dem Plan von 1835 sind neben den Gehöften auch die alten Flurnamen angegeben.
(Abb. 9) Bis 1865 hatte sich das Walzwerk Oberhausen zu einem leistungsfähigen Betrieb entwickelt, der in langen Hallen Bleche und Profile walzen konnte.
Zwischen 1835 und 1843 vergrößerte sich das Unternehmen um ein Stabeisen- und ein Schienenwalzwerk. In diese Zeit fällt auch die Einrichtung der ersten Puddelöfen zur Stahlerzeugung. Weil die Kapazität der eigenen Hütten in Osterfeld und Sterkrade nicht mehr ausreichte, um den steigenden Bedarf zu decken, kaufte die Gesellschaft englisches und belgisches Roheisen zu. Erst nach der Inbetriebnahme der Kokshochöfen auf der Eisenhütte I an der Essener Straße konnte sie seit 1855 auf den Eisenimport verzichten.
(Abb. 10) Der erste Puddelofen zur Stahlherstellung ging auf dem Walzwerksgelände 1836 in Betrieb. Im Puddelprozeß wurde dem Roheisen Kohlenstoff entzogen, um es schmiedbar zu machen. In einem pfannenartigen Ofen strömte heiße Luft über die Schmelze. Dabei verbrannte der Kohlenstoff. Diesen Vorgang unterstützten die Puddler durch ständiges Umrühren - nach dem englischen Ausdruck "puddeln" genannt. Je mehr Kohlenstoff verbrannte, desto dickflüssiger und zäher wurde die Masse, das heißt, der Fachmann konnte abschätzen, wann der Kohlenstoffgehalt der Schmelze den gewünschten Wert von 0,5% erreicht hatte. Dann erfolgte der Abstich in Formsandkanäle. Die erkalteten Schmiedeeisenknüppel heißen "Luppen".
(Abb. 11) Die JH&H nahm 1855 in der Nähe des Walzwerks 2 Kokshochöfen in Betrieb. Damit war die Gesellschaft nicht mehr auf fremdes Roheisen angewiesen.
1858 kam es zur ersten vollständigen Stillegung einer Anlage bei JH&H: der Hammer Neu-Essen stellte den Betrieb ein, weil neue Produktionsverfahren das Ausschmieden von Stäben überflüssig machten. Auf dem Grundstück entstand eine Fabrik für feuerfeste Steine. Heute erinnert nur noch die Straße Zum Eisenhammer an ihren Standort.
(Abb. 12) Im Jahre 1858 wurde die Hütte Neu-Essen stillgelegt. Auf dem Gelände entstand eine Fabrik für feuerfeste Steine zur Auskleidung der Hochöfen. Das helle Fachwerkhaus gehörte schon zur stillgelegten Anlage.
(Abb. 13) Dieses Bild zeigt das Turbinenhaus im Detail. Beide Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1910.
1872 expandierte das Unternehmen weiter. Das Stahl- und Walzwerk Neu Oberhausen erzeugte aus phosphorarmem Roheisen nach dem Bessemer-Verfahren Stahl und verarbeitete ihn in einem Block- und einem Profilwalzwerk, nach 1888 sogar in „einer Hitze“ vom Hochofen bis zur Walzstraße. Als in der Thomasbirne auch phosphorreiches Roheisen eingesetzt werden konnte, verloren sowohl das Bessemer- als auch das Puddelverfahren immer mehr an Bedeutung. Sie fielen schließlich der neuen Technik zum Opfer. Die 1879 bei der GHH eingeführten Siemens-Martin-Öfen erlaubten es, dem Schmelzgut auch Schrott zuzusetzen und erschlossen so eine neue Rohstoffquelle.
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