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Bis zum Jahre 1897 stand Hermann Sellerbeck an der Spitze der von ihm gegründeten Fabrik. Voller
Stolz durfte er sein Lebenswerk betrachten. Weit über die Grenzen von Oberhausen hinaus erfreute sich seine Förderwagenfabrik mit Stahlgießerei, die er hinterließ, eines sehr beachtlichen Rufes.
Hermann Sellerbeck zog im Jahre 1897 nach Kaldenhausen bei Uerdingen in ein Haus, das er sich dort gebaut hatte. Noch zwanzig Jahre konnte er hier leben, ehe er im Jahre 1918 die Augen schloß. Seine treue Lebensgefährtin war ihm im Jahre 1908 vorausgegangen.
Der älteste Sohn von Hermann Sellerbeck, Heinrich Sellerbeck, trat nicht in die Firma ein. Gemeinsam mit Schulte-Kulkmann begründete er die Firma Sellerbeck & Co. (später Oberhausener Stahl- und Eisengießerei) in der Friedensstraße. Die Firma besteht heute nicht mehr.
Der zweite Sohn des Gründers, Emil Sellerbeck, 1864 geboren, war ursprünglich nicht für die Nachfolge bestimmt. Nach dem Schulbesuch ging er in die kaufmännische Lehre zu seinem Onkel Mathias Stöckmann auf der Zeche Roland. Nach acht Jahren trat er dann als Buchhalter in das väterliche Unternehmen ein, wo er als erstes die von seinem Vater ein wenig stiefmütterlich behandelte Buchführung in geordnete Bahnen lenkte.
Emil Sellerbeck war anders geartet als sein Vater. Er war ein tüchtiger Kaufmann. Es gelang ihm schnell, die angespannten Finanzen des Unternehmens zu ordnen. War sein Vater stets bereit gewesen, in seinen betrieblichen Dispositionen einen außerordentlichen Wagemut an den Tag zu legen und rücksichtslos eigene und fremde Mittel im Werk zu investieren, so stellte Emil Sellerbeck die Schuldenfreiheit über die Wahrnehmung und Auswertung technischer Fortschritte, ohne sich natürlich diesen zu verschließen. Er nutzte die Fabrik kaufmännisch und hatte die Gabe, es durch Vorsicht bei seinen Dispositionen und durch Sparsamkeit zu Wohlstand zu bringen.
Die Produktion erhöhte sich unter seiner Leitung erheblich. Das Werk stellte zuletzt bis zu 400 Förderwagen im Monat her. Gleichwohl befriedigte der Erfolg nicht. Veranlaßt durch die Konjunkturkrise im Jahre 1910, wurde die Produktion von Förderwagen ganz eingestellt, dafür aber das Stahlwerk modernisiert. Der durch die Einstellung der Förderwagenfertigung erzielte Raumgewinn kam der Stahlgießerei zugute.
Ein tüchtiger Gießerei-Ingenieur, Zimmermann, förderte den Ausbau der Stahlgießerei mit Fleiß und Sachkenntnis. 1908 wurde die alte, niedrige Gießereihalle durch eine neue ersetzt. Der immer nur 1 000 kg fassende Martinofen wurde auf 3 000 kg vergrößert, das Werk selbst auf elektrischen Antrieb umgestellt. 1913 erhielt es den längst fälligen 4-t-Laufkran, der das Gießen mit der Stopfen-Pfanne ermöglichte. An manchen Tagen wurden zwei Chargen abgestochen, so daß die Produktion auf monatlich etwa 50 000 kg Rohstahl stieg und der Betrieb rentabel arbeiten konnte.
Im Gegensatz zu seinem Vater lehnte es Emil Sellerbeck ab, auf dem Kreditwege Mittel für den Ausbau des Werkes zu beschaffen. Damit konnte die Chance, das Unternehmen weiter zu entwickeln und zu vergrößern, nicht genutzt werden. Die Entwicklung hat aber bewiesen, daß auch ein kleiner Familienbetrieb konkurrenz- und leistungsfähig sein und bleiben kann, wenn er sich stets technisch und kaufmännisch die modernsten Errungenschaften nutzbar macht.
Der Krieg fügte auch der Familie Sellerbeck schweres Leid zu. Zwei hoffnungsvolle Söhne, Erich und Hermann, starben den Soldatentod.
Der älteste Sohn, Walter Sellerbeck, hatte inzwischen sein Ingenieurstudium beendet. Als er nach Oberhausen zurückkehrte, erkannte er sofort, daß vieles getan werden mußte, um die Fabrik auf einen neuzeitlichen Stand zu bringen, damit sie in dem mit Sicherheit zu erwartenden schweren Konkurrenzkampf bestehen konnte. Leider standen diesen Plänen die unsicheren Zeitverhältnisse im Wege. Als die Lage durch Inflation und Deflation schwieriger wurde, hielt es Emil Sellerbeck zunächst für das beste, das Werk eine Zeitlang stillzulegen, um abzuwarten, bis die Lage einen Neuanfang gestatten würde.
Im Jahre 1927 entschloß sich Walter Sellerbeck, das Werk seines Vaters auf eigene Rechnung und Gefahr zu übernehmen und wieder in Betrieb zu setzen. Unter dem guten alten Namen "Hermann Sellerbeck" nahm er die Stahlgußproduktion wieder auf. Nach Eröffnung eines Betriebskredits durch die Städtische Sparkasse und nach anderen vorbereitenden Maßnahmen konnte im Werk die erste Charge am 1. April 1927 abgestochen und vergossen werden.
Die erfolgreiche Weiterentwicklung ermöglichte erhebliche Betriebsverbesserungen. 1927 beschäftigte das Werk wieder 65 Arbeiter. Am schwierigsten erschien beim neuen Beginnen die Wiederanknüpfung der Beziehungen zur alten Kundschaft, war doch der Name Sellerbeck seit 1921 fast in Vergessenheit geraten. Aber überraschend schnell gelang es Walter Sellerbeck, alte und neue Geschäftsfreunde wieder zu gewinnen.
Wichtige Pläne ließen sich allerdings nicht so schnell verwirklichen, wie es Walter Sellerbeck damals gewünscht hätte. Nicht lange nach der Übernahme des Werkes brach die schwere Weltwirtschaftskrise aus, die alle Hoffnungen zunichte machte und sich in den folgenden Jahren ständig verschärfte.Das einzige, was getan werden konnte – ein sehr kühner Weg –, war die Umstellung des Martinofens auf Kaltgasbetrieb und der Anschluß an das Ferngasnetz. Darin lag aber insofern ein großes Wagnis, als Kaltgasöfen bisher nur bei großen Ofenfassungen erprobt waren. Trotzdem begann Walter Sellerbeck 1928 mit Verhandlungen, sein Werk mit Ferngas versorgen zu lassen, aber der Ferngasgedanke steckte noch in den Kinderschuhen. Als er 1928 die Stadt Oberhausen um die Genehmigung zur Verlegung einer Ferngasleitung im Zuge der Mülheimer Straße ersuchte, um die etwa 1 000 Meter südlich der Fabrik bei Grammannsmeer die Mülheimer Straße kreuzende Thyssensche Ferngasleitung zu erreichen, wurde diese Genehmigung verweigert. Auch ein weiterer Antrag im Jahre 1931 hatte keinen Erfolg. Nicht einmal der Hinweis, daß bei Versagung der Genehmigung eine Betriebsschließung unvermeidlich sei, schlug durch.
So blieb nichts anderes übrig, als das Werk 1931 erneut stillzulegen. Mit sehr bitteren Gefühlen sah Walter Sellerbeck auf vier schaffensreiche Jahre zurück, in denen er dem Namen Sellerbeck wieder Klang verschafft hatte. Jetzt mußte die mühsam errungene Grundlage wieder aufgegeben werden, um nicht die Substanz zu gefährden. Aber mit diesem Opfer wurde die finanzielle Selbständigkeit gerettet.
Als sich im Jahre 1933 die allgemeine Wirtschaftslage besserte, konnte Walter Sellerbeck im Herbst 1933 wieder an eine Betriebsaufnahme denken. Die Verhandlungen mit der Stadt Oberhausen ergaben jetzt auch zu annehmbaren Bedingungen die Möglichkeit, die Brennstoffwirtschaft des Unternehmens auf Ferngas umzustellen.
Durch die Bildung einer Kommanditgesellschaft konnte auch die Beschaffung der erforderlichen Betriebsmittel sichergestellt werden. Am 1. Juni 1934 wurde die "Gußstahlwerk Hermann Sellerbeck K.G." gegründet. An ihr war Emil Sellerbeck mit 84% durch Einbringung der Grundstücke und Fabrikgebäude beteiligt. Teilhaber der Gesellschaft waren weiter Walter Sellerbeck und seine Schwester, Irene Marx geb. Sellerbeck, aus Bonn mit Einlagen von je 8%. Irene Marx starb schon 1935 im Alter von 30 Jahren. Ihre Anteile gingen auf Emil Sellerbeck über.
Die persönliche Haftung und die Leitung der Firma übernahm Walter Sellerbeck. Durch diese Neuordnung der Rechtsverhältnisse war die Firma Eigentümerin der Grundstücke geworden. Sie gewann damit eine größere Handlungsfreiheit. Am 1. Januar 1938 übernahm Walter Sellerbeck alle Anteile seines Vaters gegen Gewährung einer Lebensrente.
Walter Sellerbeck konnte jetzt das Unternehmen auf die längst geplante, neue Grundlage stellen. Trotz der langen Zeit des Stillstandes fand sich sehr bald die alte Belegschaft wieder ein, und alle halfen freudig und stolz mit, "ihren" Betrieb wieder in Gang zu bringen. Im Sommer 1934 begann der Ofenumbau. Bereits am 1. September 1934 floß aus dem neuen Ofen die erste Charge. Nach Überwindung anfänglicher Kinderkrankheiten leistete dieser Ofen gute Dienste und lieferte vorzüglichen Stahl bei kürzeren Chargenzeiten. Er übertraf die Erwartungen, die man auf ihn gesetzt hatte.
Die Umstellung auf Ferngas ermöglichte eine bedeutende Qualitätssteigerung, auch eine Erhöhung der Kapazität und Verbesserung der Arbeitsmethoden. Nach und nach wurden alle Feuerstellen auf Ferngas umgestellt. Die Gasfeuerung brachte verschiedene Vorteile. Rauch und Kohlenstaub behinderten nicht mehr die Arbeitenden, auch fielen die Kohlentransporte außerhalb und innerhalb des Werkes fort. Die Qualität der Erzeugnisse konnte wesentlich verbessert werden. Weiter konnte das Fabrikationsprogramm auch auf hochwertige Sonderstähle ausgedehnt werden, unter denen der Hartstahlsonderguß "Solid Extra", ein schleißfester Stahlguß, sich steigender Beliebtheit erfreute. Insbesondere für Brecher, Mahl- und Mischwerke, die besonders starker und harter Beanspruchung ausgesetzt sind, wurde dieser Stahl von nun an sehr gefragt.
Die Produktion stieg vom Jahre 1934 an bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges von Jahr zu Jahr. Damit wuchs auch die Belegschaft bis auf 110 im Jahre 1938. Die wiederhergestellte Verbindung zur Kundschaft wurde weiter gefestigt. Der alte Vertreter der Firma, Johann Heinrich Boßmann aus Recklinghausen, in dessen Hand die Betreuung der rheinisch-westfälischen Kundschaft schon seit dem Jahre 1912 gut aufgehoben war, sorgte für Aufträge. So konnte Walter Sellerbeck weitere Betriebsverbesserungen und Erweiterungen durchführen.
Im Jahre 1936 entstand eine mechanische Werkstätte hinter dem Hause Nr. 260. Auch das Jahr 1938 brachte eine Vergrößerung des Grundbesitzes. Die Hermann Sellerbeck K.G. erwarb umfangreiche benachbarte Grundstücke. Die Grundstückskäufe wiederum ermöglichten eine großzügige Erweiterung des Werkes. Der Maschinenpark wurde modernisiert und vergrößert. Bald konnten drei bis vier Chargen am Tag geschmolzen werden. Der jährliche Gasverbrauch für Schmelzen, Trocknen, Glühen, Vergüten, Heizen usw. stieg in der Spitze auf vier Millionen Kubikmeter. Die Schmelzleistung wurde auf über 300 t im Monat gesteigert. Ihr entsprach ein Versand von etwa 170 t monatlich. Weitere qualitative Verbesserungen ließen sich erreichen, wobei das modernisierte Stahl-Werkslaboratorium für chemische und physikalische Werkstoffprüfungen wertvolle Hilfe leistete.
Der zweite Weltkrieg brachte wiederum großes Leid, Vernichtung mühsam geschaffener Werte und Rückschläge mancher Art über das alte Familienunternehmen Sellerbeck. Ständiger Fliegeralarm und bald auch Bombenangriffe führten zu mehr oder minder schweren Produktionsstörungen. So mußte die 1939 erbaute mechanische Werkstatt ab 1941 jährlich neu eingedeckt werden. Im Juni 1943 fielen Wohn- und Bürohaus einem Bombenangriff zum Opfer. Am 11. November 1944 erfolgte der schwerste Schlag. Ein Bombenangriff erzwang den vollständigen Stillstand der Gießerei. Ihr Ausfall lähmte die Produktion so sehr, daß sie sich während der letzten Monate des Krieges nicht mehr in Betrieb nehmen ließ.
Wenn das Werk schon schwere Schäden erlitt, so wogen die Menschenverluste weit schwerer. Der einzige Sohn Walter Sellerbecks, Hermann, der sein Nachfolger werden sollte, fiel am 20. Januar 1945 als Soldat in Polen. Emil Sellerbeck starb nach schwerer Krankheit am 12. Februar 1945 im Alter von fast 81 Jahren. Das Werk verlor auch einige treue Mitarbeiter. Bei einem Angriff auf die Fabrik fand der tüchtige Gießereileiter Friedrich Funke, der stets mit Rat und Tat zur Verfügung gestanden und die Erweiterungen des Werkes verständnisvoll gefördert hatte, den Tod. In dieser Zeit verunglückte auch der brave Former H. Nowak in Ausübung seines Dienstes als Feuerlöschtruppführer. Andere Mitarbeiter kehrten nicht mehr von der Front zurück. Sehr bedauert hat die Familie Sellerbeck auch den Tod des hochverdienten Mitarbeiters Heinrich Küppers. Er ist im Jahre 1893 zu Hermann Sellerbeck in die Lehre gekommen, war Schmied, Vorarbeiter und Werkmeister. Küppers ist nach mehr als 50jähriger Tätigkeit im Jahre 1947 von uns gegangen.
Nachdem im April 1945 die Amerikaner Oberhausen besetzt hatten, bestand zunächst keine Möglichkeit, den völlig zerstörten Betrieb wieder aufzubauen. Erst im Herbst 1945 konnte die Produktion in bescheidenem Umfang wieder aufgenommen werden, jedoch wurde auf Grund des Gesetzes Nr. 52 der Militärregierung das Werk beschlagnahmt und ein Treuhänder eingesetzt. Während der Internierung Walter Sellerbecks sorgten die treuen Mitarbeiter des Werkes dafür, daß die Substanz nicht verringert wurde. Besondere Verdienste hierbei erwarb sich Prokurist Fuchs. Im Jahre 1948 konnte Walter Sellerbeck das Werk wieder als Betriebsführer übernehmen. Im Jahre 1949 heiratete Dipl.-Ing. Gerhard Witting Walter Sellerbecks Tochter Erika und trat als Mitarbeiter und Prokurist in die Firma ein. Am 14. März 1952 wurde ein neuer Gesellschaftsvertrag geschlossen. Er bestimmte Walter Sellerbeck zum allein haftenden Gesellschafter, während seine Ehefrau, Else geb. Piepenstock, und seine Tochter, Erika Witting geb. Sellerbeck, als Kommanditisten in die Gesellschaft eintraten. Am 1. Januar 1955 trat auch Gerhard Witting als Kommanditist in die Gesellschaft ein.
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