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von Heinz Ingensiep
Aus: Mülheim an der Ruhr, Jahrbuch '88
Es ragt ein Haus am Waldessaum weitschauend in das Land.
Mit Wandelhalle, Baderaum, Haus Raffelberg genannt …
Hier ist die Chemie auch heute noch auf unserer Seite: Natrium-Chlorid-Wasser mit 15 050 Milligramm Natrium-Ionen und 1 384 Milligramm Calcium-Ionen pro Kilo; 22,3 Milligramm pro Kilo gelöstes Eisen; 30 Gramm Kochsalz auf einem Liter. Hier kann man sich treiben lassen wie auf dem Toten Meer, hier kann man durchatmen wie angesichts einer steifen Nordsee-Brise. O Sole nostro! …
Man muß wirklich nicht zum Toten Meer in den Nahen Osten. Worin sich Patienten am Raffelberg ausstrecken, das sind die Reste eines toten Meeres unserer Breiten. Hunderte von Metern unter unseren Füßen, vielfach tiefer noch als die Kohle, liegt es begraben: das Relikt eines Ur-Meeres. Denn bis vor 225 Millionen Jahren war unsere Region vom sogenannten "Zechsteinmeer" (auch Salz- oder Hallsee genannt) bedeckt. Dieses, nur flach und mehrfach vom offenen Ozean abgeschnitten, dampfte über Jahrmillionen heißen Klimas wiederholt zu einem Salzsee aus. So entstanden die umfangreichen Steinsalz- und Kaliflöze in Nord- und Mitteldeutschland. Auch die reichen Steinsalzvorkommen am linken Niederrhein bei Rheinberg (hier fördert Europas größtes Steinsalz-Bergwerk in Borth jährlich drei bis vier Millionen Tonnen davon) sind nichts anderes als die Verdunstungsrückstände von Lagunen jenes Vorzeitmeeres, die im Laufe der weiteren Erdgeschichte von anderen Formationen überlagert wurden.
Der Weg zur Raffelberg-Sole führte über die unterste Sohle der Kohle in der Ruhrstadt. 1854/55 wurde in Alstaden, das damals noch zu Mülheim gehörte, der Schacht der Zeche niedergebracht. Die Kumpel stießen sehr bald auf badewannengerechtes Wasser, das sich als das besagte in von der Erdwärme temperiertem Wasser gelöstes Salz herausstellte. Zuerst fand man eine weniger salzhaltige Quelle (fünf Prozent), die man auf den Namen "Klara" taufte: Sie befand sich in 289 Metern Tiefe. Einige Zeit später und in 331 Metern Tiefe war es dann die Quelle "Karl", die sogar zwölf Prozent Salzgehalt aufwies.
Die Bergleute hatten schon sehr früh die heilsame Wirkung dieser unterirdischen Gewässer erkannt; sie halfen gegen rheumatische und gichtige Erkrankungen. Bevor sie zutage gefahren waren, hatten die Bergleute erst einmal ein wohltuendes Bad in diesem Geschenk der Erde genommen. Der "salzige Karl" gab Zechenverwaltung und Interessenten Stoff zum Nachdenken. Doch erst die Analysen des Mülheimer Apothekers Liekfeld überzeugten die Verantwortlichen davon, daß die schwächere Quelle "Klara" für Badezwecke geeigneter sein würde. Die starke Sole hingegen könne man durch eine eigene Saline ausnutzen.
Als sich das Wunder des segensreichen Quells ausreichend herumgesprochen hatte, beschloß die Alstadener Zechenleitung Anfang 1880 die Eröffnung eines provisorischen "Solbades" auf eigenem Gelände. In einem Holzhaus konnte das seit 1883 geförderte Wasser schließlich verabreicht werden. Die Kinder der Bergleute kamen als erste in den Genuß dieser eher privaten Heilanstalt. Vor ziemlich genau 100 Jahren dann entstand in unmittelbarer Nähe der Zeche ein kleines Solbad im Lokal der Gesellschaft "Erholung", das ab 1888 als "Verein Kindersolbad Alstaden" firmierte und dem eine Heilanstalt für Kinder unbemittelter Eltern angeschlossen wurde. Diese Kinder brachte man für die Dauer der Kur in der nahen Gaststätte "Burggrafenhof" unter. In diesem alles andere als idyllisch gelegenen Kurort wurden im Laufe von 20 Jahren fast 6 000 Kinder behandelt.
Sozusagen im "Salz-Rausch" planten die damaligen Manager der Zeche dann wirklich den Bau einer Saline. Zur Realisierung der Pläne kam es aber doch nicht.
Eine andere Idee hielt sich dafür um so hartnäckiger, der Plan nämlich, in Mülheim ein großes Solbad auch für Erwachsene einzurichten. Da die Ruhrstädter immer schon die Kirche gern mitten im Dorf hatten, sollte ein bereits 1883 gegründetes Komitee den Standort Wasserbahnhof prüfen. An der Ecke Wilhelmstraße/Dudel sollte das Badehaus stehen. Der Bau eines Kurhauses wurde für überflüssig erachtet, da in der Nachbarschaft diverse passende Räumlichkeiten vorhanden waren. Doch bei allem Eifer, aller Eitelkeit, angestachelt durch die drohende Konkurrenz in der Nachbarstadt Duisburg – es wurde erst einmal nichts daraus. Auch wenn die Kosten (33 000 Mark für die rund fünf Kilometer lange Soleleitung von Alstaden zum Wasserbahnhof; eine einmalige Abfindung von 10 000 Mark plus 10 Pfennig für jedes Bad an die Zeche), auch wenn die Ausgabenseite schon erforscht war, dauerte es weitere 20 Jahre, bis sich ernsthaft etwas tat in Sachen "Bad Mülheim an der Ruhr".
Dann machte man sich quasi ein Weihnachtsgeschenk an jenem 23. Dezember 1907, vor 80 Jahren also. Es war Eile geboten, weil in diesen Jahren die Eingemeindung von Alstaden nach Oberhausen schon so gut wie feststand; sie wurde dann auch drei Jahre später vollzogen. Bevor andere zuschlagen konnten, wollte sich Mülheim die Solerechte sichern.
Am Tag vor Heiligabend wurde die "Aktiengesellschaft Solbad Raffelberg" aus der Taufe gehoben. Der Name war von vornherein perfekt, da man in dem Gut Raffelberg mit seinen mehr als sieben Hektar Waldbestand einen geeigneten Standort längst gefunden hatte, der zudem nicht weit von der Solequelle entfernt war. Die AG, von der Stadt Mülheim, einigen führenden Industrie- und Schiffahrtsunternehmen sowie Zechen mit einem für damalige Verhältnisse ansehnlichen Kapital von 850 000 Mark ausgestattet, erwarb das Speldorfer Gut, das inmitten des Städtedreiecks Mülheim-Duisburg-Oberhausen lag.
Außerdem: angemessener Abstand von den nächsten Industrieanlagen, viel Wald, ein durchfließender Bach nebst größerem Wasserloch, aus dem sich mit wenigen Mitteln ein idyllischer Teich formen ließ.
Alles sprach für diesen Standort. Alles sprach für die vorbereiteten Pläne eines wahrhaft großzügigen, soliden und für die Jahrhundertwende durchaus modernen Neubaus.
Bereits 1908 begannen die Arbeiten. Es entstanden: ein Kindersolbad, das erst einmal bis zu 130 Kinder aufnehmen und unterbringen konnte, das Badehaus, das Kurhaus, der ausgedehnte Kurpark und einige Nebeneinrichtungen.
Grade 13 Monate waren vergangen, als das Solbad Raffelberg seinen Betrieb aufnehmen konnte. Eine runde Million Mark war investiert worden, die Kosten für den Bau einer 2,5 Kilometer langen Solezuleitung von der Zeche Alstaden inbegriffen.
Bereits am 12. Mai 1909, drei Tage vor der offiziellen Eröffnung, faßte es der Poet frohlockend in Reimform:
... Von jenem wunderbaren Quell, den man Sole heißt,
wird nun die schmucke Badezell aufs reichlichste gespeist …
Der Wert des "wunderbaren Quell" sprach sich so schnell herum, daß die "Badezell" sehr bald zu klein wurde. Mehrere Erweiterungen waren unvermeidlich. Aber auch sonst wurde so einiges am Speldorfer Bad verbessert: Es mußte ein großer Kursaal her (1911), Restaurations-Terrassen wurden angelegt, ein Musik-Pavillon für die obligatorischen und stets gut besuchten Kurkonzerte fehlte auch nicht allzu lange.
Und: Die Zahl der Kinderkuren explodierte förmlich, so daß man die Gaststätten "Haus Hohenzollern" und "Jägerhof" anmieten mußte. Das war noch im Nachkriegsjahr 1919.
In den folgenden zwei Jahrzehnten freilich floß die Sole nur noch spärlich. Daran hatte vor allem der wirtschaftliche Niedergang im Lande Schuld. Der absolute Tiefpunkt für den Raffelberg: 1936 stand die Solbad AG vordem Konkurs. Sie wurde aufgelöst. Um zu retten, was noch zu retten war, gründete man einen "Verein Solbad Raffelberg e.V.", der heute noch existiert.
Dann war wieder Krieg: Beschädigungen an den Gebäuden; Einstellung der Kinderverschickung, als die Luftangriffe sich häuften; Aufnahme einer Artillerie-Abteilung der US-Truppen in der Besatzungszeit und dann die Nachkriegsnot.
Schon früh in diesen harten Zeiten, 1946 nämlich, konnten erstmals wieder größere Umbauten an den Solbad-Gebäuden vorgenommen, mußte vor allem der durch Bomben beschädigte Dachstuhl der Kinder-Abteilung instand gesetzt werden. Dann konnte man wieder bis zu 300 Kinder pro Kur aufnehmen. Doch gerade bei den Kinderkuren war der Niedergang schon vorprogrammiert. Wegen der steigenden Anforderungen in der Schule ließen Eltern ihre Kinder immer seltener außerhalb der Ferien zur Kur. 1955 mußten die Kinderkuren am Raffelberg ganz eingestellt werden …
… Nicht Kriege und Notzeiten brachten den tiefsten Einschnitt in der langen Geschichte des Speldorfer Gesundbrunnens. Den besorgte vielmehr eine Strukturkrise in der Wirtschaft unserer Region, die Kohlekrise in den 60er und 70er Jahren. Im März 1973 versiegte der Solequell, der über 90 Jahre Heilung und Linderung beschert hatte. Die Zeche Alstaden, nun in Oberhausen, stellte nach fast 120 Jahren ihre Kohleförderung ein. Dem Solbad Raffelberg schien plötzlich die Existenzgrundlage entzogen worden zu sein. Was nun?
Die Notlösung hieß Salz-Lösung. Kunst-Sole statt Natur. Kunde und Patient waren alles andere als begeistert. Die Zahl der Anwendungen ging schlagartig zurück. Auf dem Höhepunkt der Verzweiflung beschloß der Mülheimer Rat dann 1975, erst einmal zu kosmetischen Mitteln zu greifen. Mit einem großen finanziellen Kraftakt, unterstützt von der heimischen Wirtschaft (namentlich der Stadtsparkasse) sowie der gemeinnützigen Leonhard-Stinnes-Stiftung wurde der Kurort grundlegend renoviert – eine Notwendigkeit, die man im übrigen schon 1959 erkannt hatte. 1909 nämlich war zum ersten und letzten Mal Farbe aufgetragen worden. 1976 erstrahlte das Solbad im neuen 1,1 Millionen Mark teuren Glanz, in schloßgelbem Anstrich.
Dieses Make-up bewirkte in den folgenden Jahren ein immerhin leichtes Ansteigen der Besucherzahlen. Doch die Kosmetik allein genügte nicht. Dazu war schon der naturwarme Segen aus dem Schoß der Mutter Erde nötig. Den Beweis dafür brachte das Jahr 1976: Die Zahl der Solbäder lag mit nur 7 026 auf einem absoluten Tiefpunkt.
Dann endlich tat sich eine neue Heilquelle auf, wiederum in der Nachbarstadt Oberhausen. Auf der untersten Sohle der ehemaligen Kohlenzeche "Concordia", genau in 854 Metern, sprudelte der Stoff, aus dem für das Solbad eine neue Zukunft erwuchs. Vier namhafte Institute und das Hauptlaboratorium der Bergbau AG Lippe lieferten Expertisen des Wassers, die sich sehen lassen konnten. Eines stimmte von Anfang an hoffnungsfroh: Die Konzentration ähnelte der jener Sole, die man früher von Alstaden bezogen hatte. Das Balneologische (= bäderkundliche) Institut von Bad Lippspringe ging in einer Vergleichstabelle sogar noch weiter: Es verglich die Sole aus der Zeche "Concordia" mit Heilwasserquellen namhafter Kurorte sowie mit den salzhaltigen Gewässern des Toten Meeres und der Nordsee.
Das Laboratorium für Wasseruntersuchungen in Hannover-Herrenhausen teilte den gespannten Mitgliedern des Vereins Solbad Raffelberg im Juli 1977 mit: "Es handelt sich um eine rund 4,4prozentige Sole. Diese ist für balneologische Zwecke gut geeignet, denn sie enthält auch große Mengen Calciumionen." Zudem stellte sich das Natriumchlorid-Wasser als eisenhaltig heraus; auch Jod wurde in ihm festgestellt. Damit waren alle Indikatoren für eine heilsame Wirkung der Sole beisammen. Allerdings birgt die hohe Salzkonzentration (30 Gramm auf einem Liter) auch Nachteile in sich: Trinkkuren sind mit diesem Wasser nicht möglich. Außerdem macht es der hohe Eisengehalt für Inhalationen ungeeignet, weil durch ihn die Apparaturen verkrusten würden.
70 Jahre nach der Eröffnung des Solbades, sechs Jahre nach dem Versiegen des Alstadener Quells macht man sich im Dezember 1979 erneut ein vorweihnachtliches Geschenk: die neue Natursole in den Raffelberger Badewannen. Dafür waren umfangreiche Umbauten und Ergänzungen nötig, die rund ein halbes Jahr in Anspruch nahmen: so die Neuinstallation der Solewarm- und -kaltwasserleitungen im Badehaus, der Bau von solefesten Containerbehältern, der Einbau von Soleaufwärmbehältern einschließlich Steuer- und Regelanlagen, die Verlegung neuer Gruppenabsperrungen zu den Wannen sowie vor allem der Bau einer Sole-Zapfstelle in Oberhausen. Alles in allem: erneute Investitionen von rund 480 000 Mark.
Doch es lohnte sich. Für das Heilbad hatte die neue Natursole sehr schnell eine wohltuende Wirkung: Bereits im Jahr nach der Wiedereinführung des natürlichen Wassers, also 1980, schossen die Behandlungszahlen um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr hoch. Mit genau 62 991 Behandlungen erzielte man das beste Ergebnis seit langem. Die Sole allein lockte 16 939 Heilungsuchende (+41 Prozent) …
Anmerkung: Die oben beschriebene Erholung hielt nicht lange an. Das Kostendämpfungsgesetz von 1981 ließ die Behandlungszahlen im Laufe der Jahre immer weiter fallen. Am Ende dieser Entwicklung schloß das Solbad Raffelberg im Oktober 1989 auf unbestimmte Zeit seine Tore. Als sich die Bedingungen nicht besserten, kam am 31. 12. 1992 das endgültige Aus.
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