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Taubensport

Taubensport
Kindheitserinnerungen des Chronisten

Viele Bergleute in der Kolonie "Stemmersberg" züchteten mit mehr oder weniger gutem Erfolg Tauben. Sie schlossen sich zu Vereinen zusammen, die im Sommer regelmäßig an den Wochenenden Wettflüge organisierten, um den Vereinsmeister zu ermitteln. Es konnten sogar Wetten abgeschlossen werden, welche Taube als erste den heimatlichen Schlag wieder erreicht.
Um ihre Flieger richtig flott zu machen, benutzten die Züchter einen Trick: sie sperrten Taube und Täuberich ein paar Tage lang getrennt von einander ein, aber so, daß sie sich nicht sehen konnten. Kurz vor dem "Einsetzen" zeigten sie dem "Witwer" noch einmal seine Taube und glaubten, daß er dann schneller nach Hause fand. Der Liebesentzug verfehlte nach ihrer Überzeugung auch bei Tauben seine Wirkung nicht.
Am Samstag vor dem jeweiligen Wettkampf brachten die Taubenväter ihre Lieblinge in kleinen Körben zum Vereinslokal. Hier wurden die Tauben anhand ihrer Ringnummer identifiziert und registriert und mit einem weiteren gekennzeichneten Fußring versehen, auf dem später, wenn sie zurückkamen, in der "Konstatieruhr" die Ankunftszeit eingeprägt wurde.
Waren alle Tauben des Vereins in den großen Reisekörben untergebracht, brachte man diese mit der Eisenbahn oder später mit dem Lastkraftwagen an den Start. Die Flugstrecke verlängerte sich im Laufe der Saison bis auf 800 oder 1000 Kilometer.
Zu Hause warteten die Züchter mit Spannung und ständigem Blick in den Himmel auf die Rückkehr ihrer "Renner". Schon von weitem sahen sie, ob ihr "Belgier" oder der "Blaugehämmerte" des Nachbarn im Anflug war. Kam die Taube in den Schlag, nahmen sie ihr sofort den Ring ab, "drehten" ihn in die Uhr ein und beendeten die Witwernschaft. Am Ende der "Konkurszeit" brachten sie die Ringe der bis dahin zurückgekehrten Tauben und die Uhr wieder laut diskutierend zum Vereinslokal, wo die Uhrenkommission die Flugzeiten verglich, die Siegertaube ermittelte und den eventuellen Wettgewinn auszahlte.Nicht alle Tauben schafften den Heimflug in der vorgegebenen Zeit und manche kehrten nie zurück, weil sie sich unterwegs zum Beispiel in einen fremden Schlag verirrten oder einem Raubvogel zum Opfer fielen. Zum Trost sangen dann die Vereinskameraden das traurig - schöne

"Taumvatterlied"

Wilm sein schönen blauen Vogel kommt von Stade nich zurück,
hat ihm manchen Preis geflogen, doch gezz brach er dat Genick.

Wilhelm kuckt nach seinen Renner hoffnungsvoll so manchen Tach,
doch dat war total vergebens, der kam nich mehr nach sein Schlach.

Ers nach vierzehn lange Tage stand für Wilhelm felsenfest,
dat der Blaue nich mehr lebte, ein Räuber gab ihn den Rest.

"Inne Klauen vonnen Habicht hatte er zu wenich Raum!"
Dat schrieb ihn ein jungen Förster, der der Ring fand untern Baum.

Wilhelm, nimm dat nich so tragisch, züchte mit dein altet Paar
wieder so ein blauen Vogel, der gewinnt dat nächste Jahr.

Vögel, die permanent die Erwartungen des Züchters nicht erfüllten, landeten im Suppentopf. Unnütze Fresser duldeten sie nicht. So streng waren damals die Sitten.

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