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NRZ vom 23. März 1968
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Am 23. März 1968 berichtete die Neue Ruhr Zeitung (NRZ):
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Concordias Schachtanlagen starben ohne Grabrede Vierhundert Kumpel förderten letzte Tonne um Mitternacht
Von VOLKER FÜSSMANN
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"Alles Gute." Felix Huliß, Grubeninspektor und Leiter des Untertagebetriebes auf der Schachtanlage 4/5 lächelt dem Kumpel freundschaftlich zu. "Wünsch ich Ihnen ebenfalls, Inspektor", antwortet der Bergmann, jung, schwarz im Gesicht, aber mit einer viel weißeren Zukunft, als sein Chef, der, wie er, gestern die letzte Schicht verfuhr. Huliß, über 45 Jahre alt und seit zehn Jahren Herr über Halden und Hauer, hat keine Zukunft mehr. Er, der die Concordia-Anlage 4/5 mit 1,6 Tonnen pro Mann und Schicht übernahm und auf 3,7 Tonnen steigerte, stirbt beruflich mit der Concordia. Wie rund 700 seiner Kumpel steht der Mann mit dem "glücklichen" Vornamen auf der Straße. Er gehört zum alten Eisen. Für ihn gibt es keine Umschulung.
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Die Unternehmensleitung verzichtete zwar auf die offizielle Begräbnisrede, aber in der Direktionskaue nahm die Tafelrunde der Bergräte und Assessoren, angeführt von Bergassessor a.D. Bergwerksdirektor Kurt Notthoff, kein Blatt vor den Mund. Was bisher in der Öffentlichkeit unbekannt war, offenbarte Notthoff den anwesenden Journalisten: Mitte 1967 hatten Vertreter der Schering AG, der Hauptaktionärin, bei einer Besprechung im Düsseldorfer Ministerpräsidenten-Palais Heinz Kühn angeboten, ihre Beteiligung an Concordia zu 50 Prozent des Nominalwertes der Aktien abzugeben. Die Voraussetzung für diesen Schritt waren zwei Garantien: Erstens, daß die Concordia ihre Kapazität. voll ausfahren kann und zweitens, daß der Absatz gesichert ist.
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Kohle frei angeboten
Notthoff: "Keine Seite ist darauf eingegangen." Wer sollte auch einen Absatz garantieren bei einem Pütt, der zwar mit in der Spitze der Pro-Mann und Pro-Schicht-Förderung des Reviers stand, der aber seine Kohlen auf dem freien Markt anbieten mußte, ohne daß er einer Absatzgemeinschaft angehörte? So starb die Concordia nach einem gigantischen politischen Wirbel einen stillen Tod. Den Richtlinien der Aktionsgemeinschaft entsprechend, wurde gestern um Mitternacht der letzte Wagen Kohle gefördert. Seit dem ruht der Betrieb. Für immer. Von den 2700 Mann, die bis gestern über und unter Tage die Räder in Bewegung hielten, erlebten auf der Anlage 4/5 250 Kumpel und auf 2/3 noch 150 Bergleute den Exitus ihres Pütts ganz bewußt einige hundert Meter unter der Erde. Sie förderten die letzten Brocken Kohle und ließen 90 Millionen Tonnen in einer Teufe bis zu 1 200 Metern liegen. Und während gestern der letzte Hauer sein Gezähe ablieferte und, ein Bündel Holz unter den Arm geklemmt, ein letztes Mal die Waschkaue betrat, machten sich rund 800 Techniker und Kaufleute zum allerletzten Kampf bereit. Sie bleiben bis Ende Mai, um die Maschinen und Ausbauteile aus der Grube zu bergen. Der große Rest erhält vom Samstag an den für 1968 noch fälligen Teil des Tarifurlaubs. Bereits im Juli soll mit dem Verfüllen der Schächte 4, 5 und 3 begonnen werden. Der Hauptschacht 2 bleibt für die Wasserhaltung offen. Die Concordia pumpt derzeit neben den eigenen Wässern von der 9. Sohle auch die der toten Schachtanlagen Neumühl, Thyssen 4/8 und Beeckerwerth sowie die Teilwässer der Schachtanlage Westende – die demnächst auch stillgelegt werden soll – ab.
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Die Wasserhaltung der 9. Sohle wird in Zukunft zur 3. Sohle verlegt und von der Hamborner Bergbau AG im Auftrag der Pumpgemeinschaft weiterbetrieben. Die jährlichen Kosten für die Wasserhaltung im Hauptschacht 2 belaufen sich auf 1,7 Mio. DM. Der Wetterschacht 6 wird erst verfüllt, wenn die Wässer bis zur 8 Sohle angestiegen sind. Das ist im Frühjahr 1969 der Fall. Bis zu dieser Zeit sollen auch die Umbauarbeiten der Pumpenanlagen beendet sein.
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Was bleibt noch?
Was aber bleibt nun noch von der Concordia Bergwerks Aktiengesellschaft, die nach Dahlbusch das zweite Unternehmen an der Ruhr ist, für das die Schließung der Schachtanlagen nicht nur Amputation eines Gliedes ist, sondern ein völliges Sterben? Die Antwort: Von den bestehenden Betriebsanlagen wird das Kraftwerk bis Ende dieses Jahres weiterarbeiten, ebenfalls die Brikettfabrik.Aber während die modernste Brikettieranlage des Reviers schon in der Agonie liegt, könnte für das Kraftwerk noch einmal ein neues Leben beginnen. Dann nämlich, wenn die Pläne Wirklichkeit werden, die derzeit mit der Stadt Oberhausen verhandelt werden.
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Pläne fehlen noch
"Es ist vorgesehen", so hieß es gestern, "daß das Kraftwerk in eine Müllverbrennungsanlage für die Städte Oberhausen, Duisburg, Dinslaken und Moers und deren Landkreisen umgebaut wird." Die Elektrohauptwerkstatt auf 4/5 ist mitsamt der Belegschaft und der Betriebsleitung an die Firma Menzenbach abgetreten worden. Weitere Pläne für die Verwertung des Betriebsgeländes, einschließlich des Concordia-Hafens liegen bis zur Stunde noch nicht vor.Über die Zukunft des Hafens kann erst entschieden werden, wenn über die Ansiedlung von neuen Industrien und sonstigem Gewerbe auf dem Concordia-Gelände das letzte Wort gesprochen ist.
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Zum Heulen
Wie lange hätte die Concordia noch durchhalten können? Auch diese Frage wurde gestern von den Verantwortlichen ohne Zögern beantwortet: "40 Jahre auf der Anlage 4/5 und 20 Jahre auf 2/3 – vorausgesetzt, daß neben einer Auslastung der Kapazität auch der Absatz gewährleistet gewesen wäre."
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Bergassessoren, Räte und Direktoren waren in den letzten Tagen ein letztes Mal durch die Reviere gegangen. Hatten Hände geschüttelt von Kumpeln, die wie sie mehr als ein Jahrzehnt "Concordianer" waren, und ein "Glückauf!" für die Zukunft gewünscht. Für eine Zukunft, die für die älteren Semester der AT-Angestellten keine mehr ist, nicht für Inspektor Felix Huliß und auch nicht für Bergrat Wilhelm Koepe, der gestern auf dem Wege zum Schacht erklärte: "Es ist zum Heulen."
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